Es ist endgültig vorbei. Mein verlängerter Zivildienst endete just heute. Irgendwie schon komisch. Ich darf zwar Probearbeiten nächste Woche, aber so ganz weiß ich noch nicht, wie es weitergeht. Naja. Die Zeit in der Klinik Dr. Hancken war toll. Ich hab so viel erlebt. Wenn auch nicht immer Positives. Es sind 90 Menschen gestorben, in der Zeit, in der ich dort war.

Gerade heute meine Lieblingsomi. Es war etwas stressig heute. Ich musste nämlich immer hin und her laufen zwischen der Herz-Lungen-Praxis nebenan und unserer Station. Denn meine Lieblingsomi war dort zur Bronchoskopie. Eigentlich eine Routineuntersuchung, doch sie hatte einen Tumor in der Lunge, der ihr da zum Verhängnis wurde. Der behandelnde Arzt hat nämlich, wenn auch nur ganz leicht, in diesen Tumor gestochen, was dazu führte, dass die gute Frau elendig an ihrem eigenen Blut ertrunken ist. Es war ziemlich viel Panik, unser Transferbett passte gerade so in den Aufzug zur Praxis. Wir mussten sie ja abholen, der Notarzt konnte nichts mehr machen. Das war nicht so einfach, doch als sie auf dem Bett lag – die Patienten wurden alle in den anderen Warteflügel verfrachtet – fiel ich fast vom Glauben ab. Die Türen des anderen Warteflügels waren verschlossen, aber die Gardinen nicht, somit schauten alle Patienten uns zu, wie wir mit der Toten aus der Praxis fuhren. Sie war zwar abgedeckt, aber schön war das nicht von der Praxis. Das war schon etwas traurig.

Ein anderes Mal musste ich, obwohl ich Feierabend hatte, einen anderen Patienten aus der Bestrahlung abholen, bevor er überhaupt bestrahlt werden konnte, weil er Blut spuckte. Sein Tumor lag am Hals und drückte so stark an die Halsschlagader, bis diese platzte beziehungsweise riss. Also bin ich hektisch mit dem Patienten im Rollstuhl hoch auf die Station gefahren um ihn dort in ein Einzelzimmer zu schieben. Dort hieß es dann auch nur, dass man nichts mehr für ihn tun konnte. Nicht schön.

So dramatische Geschichten gab es nicht mehr, aber kleinere dramatische Geschichten, dass Patienten wegsterben, oder stürzten oder genervt waren. Ich musste diese Leute dann immer im Bett oder im Rollstuhl zu den Untersuchungen fahren, darunter war auch ein Einundzwanzigjähriger, das ging mir schon nahe, aber seine Heilung ist gut verlaufen. Eine andere supernette Patientin war eine junge Mutter, mit der ich mich immer geduzt hab, die war cool und der Heilungsverlauf auch super.

Was haben wir überhaupt für Untersuchungen? Nun ja, alles Radiologische, zunächst wäre das die Röntgenabteilung, durch die man immer durch muss, weil sie den ganzen Weg zu allen anderen Abteilungen außer der Nuklearmedizin (NUK) – wo die radioaktive Dosis auf die Schilddrüsenpatienten abgestimmt wird und Knochenszintigramme erstellt werden – einnimmt. Danach kam die Sonographie beziehungsweise der Ultraschall, wo den Patienten auch gerne mal der ZVK, der zentrale Venenkatheter gelegt wurde, damit die Patienten dann an die Chemo angeschlossen werden konnten. Weiter hinten war das Labor mit Connie und Anne, bei denen ich mich gerne mal länger aufhielt, weil’s da nett war, immer Süßigkeiten gab und interessante Geschichten zu erzählen. Ab und zu hab ich mir auch Blut abnehmen lassen um mir mein Blutbild anzuschauen. Selbst hab ich auch einmal bei Connie Blut abgenommen, war gar nicht so schwer und hat sogar Spaß gemacht. Weiter hinten war Zimmer 18 oder auch 25, jeder nennt es anders, zu welchem die Chemo-Akten gingen, damit die Chemo ausgerechnet werden kann. Die Chemotherapie selbst kam von der Apotheke nebenan. Da gab es zum einen Cisplatin, welches die Patienten bekamen, bevor sie bestrahlt wurden, 5Fu ist eine Langzeit-Chemo, und dann gab es immer noch so ein lustig rotes Zeug, mit dem Wort „Rubin“, leider hab ich den genauen Namen vergessen.

Weiter hinten war ein Bestrahlungsraum, also ein Beschleuniger, der Schmerzen lindern oder Tumoren zerstören kann. Dafür braucht man natürlich gewisse Einstellfelder, damit kein gesundes Gewebe zerstört wird, dafür gibt es im zweiten Untergeschoss eine Simulation (kurz „Sim“). Direkt daneben ist noch ein Beschleuniger. Die Dinger haben was cooles, sie müssen zwar in einem Bleiraum stehen, aufgrund der Strahlung, aber machen tolle Sachen. Einigen Patienten hat das Ding echt geholfen. Und das nur, weil man auf einem Carbontisch liegt und ein komisches Ding einen mit Elektronen beschießt, was man nicht mal merken soll. Verrückt die Physik. Vier Stockwerke darüber ist inzwischen die Chemo-Ambulanz eingezogen, welche sich vorher im zweiten Stock über der Station befand, gegenüber der Geschlossenen Station. Die Station ist geschlossen, da dort Schilddrüsen-Patienten mit dem radioaktiven Jod&138 behandelt werden. Die Station selbst strahlt auch ein wenig, genau wie die Patienten, weshalb man denen nicht zu nahe kommen soll. Die halten sich fröhlich im Wintergarten auf und sind mit Abstand die hektischsten Patienten. Das liegt an der Schilddrüsenerkrankung.

Unterhalb der Sonographie befindet sich die Mammographie, da war ich quasi nie, direkt daneben ist die Küche – natürlich nicht mit der Mammographie verbunden – im Nebenhaus war dann noch die Computertomographie (CT) und die Kernspintomographie (MRT). Zum MRT durfte ich nie rein, aufgrund meiner vielen Piercings, die würde es mir rausreißen, weil das ja stark magnetisch ist. Sollte es mir die nicht rausreißen, wäre das doch schon auf jeden Fall recht  unangenehm gewesen. Im CT hab ich aber immer wieder geholfen. Ich mag die Schichtbilder, die diese beiden Geräte erstellen. Ich hätte auch gerne so ein Bild. Aber im MRT würde ich glaube ich Panik bekommen. So eng und laut, das muss ich nur im Notfall haben.

Was waren eigentlich meine Aufgaben, außer die Patienten von A nach B zu fahren? Naja, ich musste Schränke und Regale auffüllen, Bestellungen tätigen, sei es Verbandsmaterial, Infusionslösungen oder Schutzhosen. Man musste die Schwestern da ja unterstützen. Die Sauerstoffflaschen mussten ausgetauscht werden, also leere gegen volle, dann musste man sich natürlich mit den Hausmeistern streiten, warum man die leeren Flaschen nicht direkt nach unten in den Keller bringt. Der Getränkeraum musste aufgefüllt werden, das Essen musste an die Patienten verteilt werden, morgens auch Wasser. Ich habe den Schwestern auch sehr viel Pflegearbeit abgenommen, da ich für solche Aufgaben anscheinend vertrauenswürdig und kompetent schien. Klappte auch meistens alleine, wenn nicht, dann eben mit Hilfe des Patienten. Die anderen beiden Zivis, die mit mir da waren, jetzt auch noch sind, waren eher faul, freiwillig haben die gar nichts gemacht, ich war schon froh, wenn sie nach dreimaligem Ermahnen meinerseits die Tees an die Patienten verteilten.

In der Spätschicht musste man in der Küche auch noch das Essen vorbereiten, die netten Küchendamen haben natürlich geholfen und einen auch mit Essen versorgt. Oben wurde dann nochmal mit den Schwestern zu Abend gegessen, ehe man abräumte und nach Hause fuhr. Beim Abendbrot fragte ich mich öfter, wieso die kleinen Nutella-Packungen eigentlich weniger Inhalt haben, also die Marmeladen-Packungen, aber diese Frage haben wir nie geklärt. Was ich auch noch richtig lustig fand, war die EDV-Umstellung. Von Akten zu Laptops. Noch lange nicht komplett, das geht halt langsam, aber die gute Frau, die allen das System näherbringen soll heißt Frau Tipplady, wie cool ist das denn. Ich dachte erst, dass wäre nur ein Spitzname, aber nein, das war ihr richtiger Name. Passt ja irgendwie.

Ich hatte sehr viel Spaß und bin schon etwas traurig, dass ich da weg muss. Die große verrückte Claudia, die immer Nutella ist wird mir genauso fehlen, wie die witzige und versaute Janine. Auch die lieben Bestrahlungsmädels, welche mir sogar ein Abschiedsgeschenk machten, werde ich vermissen. Peggy hat mir sogar ihr Zelt fürs Hurricane geliehen. Ganz toll war auch Schwester Olga, welche immer bei den Seed-Operationen assistierte. Dabei werden radioaktive Brennstäbchen in die Prostata eingepflanzt, um dort den Krebs von innen zu zerstören. Mit ihr und mit Claudia durfte ich an Heilig Abend arbeiten. Warum weiß keiner, aber ich fand’s besser als zu Silvester. Wir aßen da schön, und dann wurde ich auch schon wieder nach Hause geschickt.

Hach ja, die Zeit war schon schön, wenn man von heute absieht. Jeder Zivi wird natürlich „gebührend“ verabschiedet. Jedes Mal dieselbe Leier: Pflegedienstleitung Annegret ruft einen in ein Zimmer, weil man noch was unterschreiben solle. Dort warten natürlich schon alle, um einen zu quälen. Ich wurde auf einen, mit Claudias letztem Nutella beschmierten, Toilettenstuhl gefesselt, in die Dusche geschoben und ordentlich eingeseift. Danke Schwester Sarah, das war echt nett… aber naja, ist halt Tradition. Mir war etwas kalt, ich verabschiedete mich wehmütig, nachdem ich mich umgezogen habe – ich wusste ja, was mir bevorstand und hab Wechselklamotten mitgenommen. Na ja, ich werd‘ die alle schon öfter noch mal besuchen.

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